Armutsschuldner/Krisenschuldner

„Armutsschulder/Krisenschulder – unterschiedliche Ursachen für Überschuldung – unterschiedliche Konzepte?“ – unter dieser Überschrift stand die 14. Landestagung für Fachkräfte der Schuldner- und Insolvenzberatungsstellen am 30.11.2011 in Mainz, die in bewährter Weise von der Landesarbeitsgemeinschaft Schuldnerberatung, der LIGA Rheinland-Pfalz, dem Schuldnerfachberatungszentrum, dem Ministerium für Soziales, Arbeit, Gesundheit und Demografie sowie dem Landesamt für Soziales, Jugend und Versorgung organisiert wurde.

Staatssekretärin Jacqueline Kraege begrüßte 140 Teilnehmerinnen und Teilnehmer in den Räumen der Akademie der Wissenschaften und Literatur. In ihrer Eröffnungsrede erläuterte sie zunächst die Zahlen der aktuellen Landesstatistik. So seien weiterhin Arbeitslosigkeit sowie Trennung und Scheidung Hauptursachen für Ver- bzw. Überschuldungsproblematiken. Auch sei ein weiterer Anstieg der Beratungszahlen von 8,8% zu verzeichnen. Ein Schwerpunkt der Arbeit des Ministeriums für Soziales,
Arbeit, Gesundheit und Demografie in der kommenden Legislaturperiode werde auf die Bekämpfung und Vermeidung von Armut gelegt. Ein wesentlicher und unerlässlicher Baustein zur Bekämpfung der Armut liege dabei in der Einführung von Mindestlöhnen. Hierfür wolle sich Rheinland-Pfalz weiterhin einsetzen. Abschließend versprach sie den Anwesenden eine – trotz sehr schwieriger Haushaltssituation – verlässliche Förderung der Schuldner- und Insolvenzberatung.

Dr. Dieter Korczak, Leiter des Instituts für Grundlagen- und Programmforschung in München und beteiligter Gutachter der ersten drei Armuts- und Reichtums-berichte der Bundesregier-ung, beleuchtete in seinem Referat die unterschiedlichen Ursachen für Überschuld-ungen.

Die bestehenden Statistiken zu diesem Thema hätten aus seiner Sicht den Mangel, dass die Beraterin bzw. der Berater im Einzelfall einschätzen müsse, welche der zum Teil vielfältigen und komplexen Ursachen denn letztlich zur Überschuldung geführt haben. Das vorliegende Datenmaterial des Bundesfamilienministeriums sei entsprechend im Vergleich zu früheren Statistiken in seinen Aussagen zu hinterfragen. Eine einfache Einteilung nach Armuts- und Krisenschuldnern halte er für unzureichend. Interessant war die Erkenntnis, dass beispielsweise Rentnerinnen und Rentner signifikant häufiger höhere Finanzamtsschulden hätten als andere Altersgruppen. Gleichzeitig seien in der Generation der bis 20-jährigen vergleichsweise hohe Telefonschulden zu verzeichnen. Überschuldung sei folglich auch ein Problem unterschiedlicher Lebensphasen.

In seinem Vortrag über „Armutsschuldner“ berichtete Dr. Claus Richter, Jurist der Landesarbeitsgemeinschaft Schuldnerberatung in Berlin, u.a. über eine aktuelle Umfrage bei Berliner Beratungsstellen. Hiernach sahen die Kolleginnen und Kollegen dieser Beratungsstellen die Haushalts- und Budgetberatung der Klientinnen und Klienten als besonders wichtig an. Demgegenüber waren psychosoziale Beratung und Prävention eher nachrangig. Daraus ließe sich jedoch seines Erachtens nicht ableiten, dass diese Beratungsaspekte weniger wichtig wären. Vielmehr sei dies ein Indikator dafür, dass die Fachkräfte aufgrund der Auslastung der Beratungsstellen Prioritäten setzen müssten. Demnach sei ein Ausbau der Beratungskapazitäten erforderlich.

Interessiert verfolgten die Teilnehmerinnen und Teilnehmer auch den Vortrag von Frau Susanne Reinhard, die in der Sozialstiftung der BASF in Ludwigshafen überschuldete Betriebsangehörige berät. Diese Ratsuchenden seien häufig Konsumschuldner, die sich verspekuliert oder schlicht über ihre Verhältnisse gelebt haben. Es seien jedoch auch Menschen dabei, die aus einer vor der Einstellung bestehenden Arbeitslosigkeit Schulden „mitgebracht“ hätten. Eine Regulierung mit den Gläubigern sei - im Gegensatz zu den öffentlichen Beratungsstellen – häufiger erfolgreich, was sicherlich durch die regelmäßigen Einkünfte der Schuldner bedingt ist. Auch hätten größere Betriebe die Möglichkeit, ggf. über Betriebsdarlehen den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern kurzfristig „unter die Arme“ zu greifen. In den Betrieben sei – wie auch bei den öffentlichen Beratungsstellen - Trennung und Scheidung eine Hauptursache für Überschuldungssituationen.

Am Nachmittag standen mit Dr. Dieter Korczak, Jürgen Malyssek (Caritas-Referent für Schuldnerberatung i.R.) und Marion Fiessler (Schuldnerberaterin bei Boehringer Ingelheim) qualifizierte Referentinnen und Referenten zur Verfügung, um die Themen des Vormittags weiter zu vertiefen und Lösungsansätze zu entwickeln.

In seinem Schlusswort blickte Präsident Werner Keggenhoff noch etwas über den „Tellerrand“. So halte er eine Entwicklung für besorgniserregend, in welcher bei Großbanken Fehlbeträge von 50 Mrd. Euro lapidar als „Fehlbuchung“ abgetan werden, gleichzeitig die Banken ihrerseits von Privatpersonen eine jederzeit ordnungsgemäße Haushaltsführung fordern und bereits bei geringfügigen Schwierigkeiten diese in die Insolvenz treiben. Abschließend dankte der Präsident den Teilnehmerinnen und Teilnehmern für ihre engagierte und wichtige Arbeit und schloss in seinen Dank auch die Organisatoren der Tagung mit ein.