„Wer sich aus rechtsextremen Zusammenhängen lösen möchte, braucht mehr als die Aufforderung, einfach auszusteigen. Ein Ausstieg ist ein persönlicher Prozess, der Zeit, Vertrauen und verlässliche Unterstützung braucht. Genau hier setzt (R)AUSwege an: Wir begleiten Menschen auf ihrem Weg aus rechtsextremen Strukturen und unterstützen sie dabei, langfristig neue Lebensziele zu entwickeln,“ erklärt Heike Gorißen-Syrbe, Präsidentin des Landesamtes für Soziales, Jugend und Versorgung (LSJV). Das Ausstiegsprogramm (R)AUSwege ist im Demokratiezentrum Rheinland-Pfalz im LSJV angesiedelt.
„Rechtsextremismus ist und bleibt auch in Rheinland-Pfalz eine der größten Bedrohungen für unsere Demokratie sowie unsere freiheitliche und vielfältige Art des guten Zusammenlebens. Von daher ist es wichtig, dass wir mit Prävention, Beratung und wehrhaften Institutionen die Demokratie verteidigen. Dafür ist ein Programm wie (R)AUSwege von unschätzbarem Wert. Auch, weil es vor allem junge Menschen in den Blick nimmt, ihnen Distanzierungs- und Ausstiegswege aufzeigt und sie bei diesem Prozess unterstützt. Damit stärken wir nicht nur unsere Demokratie, sondern auch die junge Generation – und das seit 25 Jahren mit Erfolg“, betont Familien- und Jugendministerin Sabine Bätzing-Lichtenthäler.
Im Mittelpunkt der Arbeit steht dabei seit jeher der einzelne Mensch. Der Ausstieg aus einer rechtsextremen Szene ist häufig ein langwieriger und anspruchsvoller Prozess. Neben der Auseinandersetzung mit Ideologien und Weltanschauungen spielen vielfach auch persönliche Lebensumstände eine wichtige Rolle: familiäre Beziehungen, Ausbildung und Arbeit, finanzielle Fragen oder der Umgang mit Behörden und Justiz.
Niedrigschwelliger Zugang als Grundlage
Ein wichtiger Bestandteil der Arbeit von (R)AUSwege ist seit Beginn die Möglichkeit einer kostenfreien und anonymen ersten Kontaktaufnahme über eine Telefon-Hotline. Der niedrigschwellige Zugang hat sich als wesentlich erwiesen, um Menschen den ersten Schritt zu einer Beratung zu erleichtern.
Die sozialpädagogischen Fachkräfte erarbeiten gemeinsam mit den jungen Menschen und Erwachsenen Perspektiven, welche individuellen Hilfen für den Ausstieg nötig sind und wie diese erschlossen werden können. Sie kooperieren dabei eng mit den Trägern von Hilfsangeboten wie beispielsweise der Jugendgerichtshilfe, den Haftanstalten, dem sozialpsychiatrischen Dienst oder der Bewährungshilfe. Beim Übergang zu diesen Hilfen bietet (R)AUSwege den jungen Menschen und Erwachsenen eine ergänzende persönliche Begleitung und Betreuung an.
Die Erfahrungen aus 25 Jahren zeigen, dass Ausstiegsprozesse häufig mit einem komplexen Unterstützungsbedarf verbunden sind. Das Beratungsangebot von (R)AUSwege ist breit aufgestellt und bietet sowohl Einzelfallhilfe als auch Beratung, Information und Fortbildungen für pädagogische und andere Fachkräfte an. In der Arbeit begegnen die Beratenden den Menschen vorurteilsfrei, wertschätzend und empathisch, und gleichzeitig werden rote Linien gezogen, wo menschenfeindliche Aussagen getätigt werden.
Die Zugänge zum Programm haben sich im Laufe der vergangenen 25 Jahre verändert. In den Anfangsjahren wandten sich insbesondere junge Menschen im Zusammenhang mit Gerichtsverfahren oder während einer Haft an (R)AUSwege. Mittlerweile entstehen Anfragen häufiger im Zusammenhang mit Social Media und dort geposteten strafrechtlich relevanten Inhalten. Teilweise betrifft dies auch junge Menschen, die noch nicht strafmündig sind. Es ist eine Entwicklung von der Ausstiegsarbeit hin zur Distanzierungsarbeit zu beobachten, die mit immer jüngeren rechtsextrem-orientierten Menschen die pädagogische Praxis vor neue Herausforderungen stellen.
Auch wenn sich das Klientel verändert hat, so zeigt sich weiterhin: Ein nachhaltiger Ausstieg bedeutet mehr als die Abkehr von einer rechtsextremen Szene. Ziele der Beratung sind u. a. die Förderung von Toleranz sowie von Menschen- und Demokratiefreundlichkeit. Die Beratung unterstützt bei der persönlichen Neuorientierung und ebnet den Weg für nachhaltige Veränderung. Das Ausstiegsprogramm setzt dafür auf Kontinuität und ermöglicht, dass teilweise über Jahre hinweg immer wieder bei Bedarf stabilisierend eingewirkt werden kann, z. B. im Fall persönlicher Krisensituationen.
„Der Kampf gegen Rechtsextremismus verlangt Ausdauer und starke Beratungsangebote. Neben den anderen Angeboten des Demokratiezentrums zu Demokratiebildung und Extremismusprävention, die sich auch an Engagierte richten, wirkt unser Ausstiegsprogramm seit 25 Jahren auf den Schutz unserer offenen Gesellschaft und unserer Demokratie hin,“ betont Heike Gorißen-Syrbe.
